Schwangerschaft
Welch Glücksgefühl war es, als ich im Oktober 2008 den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, unser kleines Seelchen hatte sich eingenistet, wir alle waren so unendlich glücklich.
Schon früh wurde die Schwangerschaft erkannt, nur ein kleines Pünktchen war zu sehen.
Der Geburtstermin sollte der 26. Juni 2009 sein.
Da unser erstes Kind Felix als Frühchen in der 29. Woche aufgrund eines HELLP-Syndroms geboren wurde und die Schwangerschaft mit ihm nicht leicht gewesen ist und mit großen Sorgen verbunden war, stellten sich auch in der 2. Schwangerschaft Ängste ein, die mich oft zweifeln ließen, ob diesmal alles gut gehen würde.
Doch alles verlief so wunderbar!
Jeden Tag liebte ich unseren kleinen Bauchbewohner mehr als den vorherigen, meine Liebe zu ihm wuchs jeden Tag, so wie er stetig gewachsen ist.
Vor jeder Untersuchung war ich sehr aufgeregt, würde auch alles in Ordnung sein mit unserem Krümelchen?
Doch immer wurde ich beruhigt, alles sei bestens und mein Herz schlug jedes mal Purzelbäume vor Glück.
Einen kleinen Jungen sollten wir bekommen, einen Namen fanden wir schnell, Fiete.
Woche um Woche verging, unser Kind wuchs und wuchs, mein Bauch wurde immer kugeliger.
Lange haben wir gewartet, bis wir das Kinderzimmer eingerichtet haben, ein Piratenschiff habe ich an die Wand gemalt, alles schien perfekt.
Die Gedanken, dass uns unser Glück genommen werden sollte, existierten nicht, als ich in der 32. Woche war, konnte ich endlich entspannen, schon längst hatte unser Krümelchen die 29. Woche, in der sein Bruder zur Welt kam, hinter sich gelassen.
Was sollte noch passieren?
Doch dann kam der Tag, den ich nie vergessen werde.
In der 34. Woche ging ich zu einer Routineuntersuchung, ein Ultraschall sollte gemacht werden.
Nach einigen Minuten verstummte die Ärztin, zuvor hatten wir uns noch gefreut, wie groß und rund unser Sohn mittlerweile schon geworden war.
Die Worte "sehen sie das, da stimmt was nicht!?" höre ich noch, als ob es gestern gewesen wäre.
Fietes Herz war plötzlich auffällig, nie zuvor hatte sie etwas zu dem Herzen gesagt, auch bei dem großen Organfehlbildungsultraschall hatte sie freudestrahlend erzählt, nichts würde auffällig sein.
Ich war fassunglos, geschockt, zitterte am ganzen Körper, Tränen liefen über meine Wangen.
Sofort habe ich meinen Mann angerufen, habe ihm schluchzend erzählt, was passiert war.
Zunächst hatten wir noch die Hoffnung, dass vielleicht alles nicht so schlimm sei, aber mit jeder neuen Untersuchung bei Fachärzten wurde es schlimmer und schlimmer, letztendlich war die Diagnose funktionelles hypoplastisches Linksherz Syndrom, einer der schwersten Herzfehler überhaupt.
Wie sollte ich verstehen, dass mein Kind plötzlich schwer krank war.
Für mich brach eine Welt zusammen.
Ich selbst bin Kinderkrankenschwester von Beruf und habe zwei Jahre auf einer Intensivstation, auf der herzkranke Kinder betreut werden, gearbeitet.
Nun trug ich selbst ein Herzchen unter dem Herzen.
Durch meine Erfahrungen wußte ich genau, welch schweren Weg mein kleiner Sohn hätte gehen müssen.
Auf jeden schlimmen Tag folgte ein schlimmerer.
Zwei Wochen voller Schmerz und Verzweiflung bestätigte mir ein in meinen Augen sehr einfühlsamer Arzt das, was ich in meinem Herzen schon lange wußte.
Ich bat ihn mir seine ehrliche Meinung zu sagen, ohne uns Versprechungen zu machen, die nicht wahr werden konnten.
Sollte ich Fiete den langen Leidensweg aufbürden, ihn an unzählige Schläuche und Maschienen anschließen lassen, ihn bei mehreren Ops immer wieder alleine lassen, jedes mal mit einem ungewissen Ausgang?
Oder sollten wir die schwierigste Entscheidung unseres Lebens treffen, unseren geliebten Krümel in Frieden und ohne Schmerzen und Leid gehen lassen.
Mit Tränen in den Augen sagte er mir, das Fietes Herz so sehr geschädigt sei, das er den Weg, Fiete zu den Sternen zurückkehren zu lassen, für den richtigen halte.
Trotz aller Verzweiflung und unserem größten Wunsch unser Baby im Arm zu halten und zu lieben, haben wir entschieden, ihm ein Leben mit Schmerzen und Qualen zu ersparen.
Von nun an lebte ich noch zwei weitere Wochen lang mit dem Wissen, dass ich Fiete nach kurzer Zeit in meinen Armen wieder hergeben muß.
Zunächst rieten mir die Ärzte spontan zu entbiden, um das Risiko für mich so gering wie möglich zu halten.
Doch mit der Zeit änderte sich diese Meinung, in mir und den Ärzten wuchs die Angst, dass unser Kleiner unter der Geburt sterben würde.
Mein größter, sehnlichster Wunsch, meinen Sohn lebend in den Armen zu halten, war mir unendlich wichtig und brachte die Entscheidung gegen eine spontane Geburt.
Ich musste einfach die Zeit haben, Fiete sagen zu können, wie sehr ich ihn liebe, ich wollte ihm sagen, dass er gehen darf, dass ich ihn loslasse, obwohl mein Herz daran zerbricht.
Wie gerne wäre ich für immer schwanger gewesen, zusammen mit ihm.
So wußte ich doch, dass seine Geburt seinen baldigen Tod bedeutete.
Jeden Tag gelangte ich mehr und mehr an meine psychischen und physischen Grenzen, ich hatte keine Kraft mehr.
Fast neun Monate trug ich ihn unter meinem Herzen, habe ihn und sein zartes Leben beschützt und habe all in meiner Macht stehende versucht, dass es ihm gut geht.
Am 10. Juni wurde Fiete per Kaiserschnitt geboren, ich hatte so furchtbare Angst vor diesem Tag.