Mitmenschen

 

Erinnere ich mich zurück an die Zeit direkt nach Fietes Tod, fallen mir vielen Gedanken und Empfindungen ein, wie meine Mitmenschen mit mir umgegangen sind.

 

Ich weiß, wie schwer es sein muss, auf jemanden, dem so Schlimmes wiederfahren ist, wie uns, zu reagieren.

Es fehlen einfach die Worte, es fehlt der Mut, den es kosten würde, auf jemanden zu zu gehen, der so tiefe Trauer ertragen muss.

Und natürlich steht man auch irgendwie unter Druck, wann und ob man der betreffenden Person begegnet, ob man etwas sagen soll, welche Worte man wählen soll und wenn man sie wählt, ob es auch die richtigen sind.

 

Mir ist es ganz wichtig zu sagen, dass gerade das Sprechendürfen das ist, was wir Eltern, die ein Kind verloren haben, so dringend brauchen.

Gerade Menschen, die uns ausweichen, weil sie sie nicht wissen, wie sie mit uns umgehen sollen, verletzen uns damit sehr.

Wir brauchen Menschen, die unseren Verlust nicht einfach abtun.

Wir sind froh, wenn wir über unser Kind und das Erlebte sprechen dürfen und können, denn wir sind Eltern, wir lieben unsere Kinder, wir sind stolz auf sie.

Fast niemand fragt uns nach dem Namen unsere Kindes, ob es ein Mädchen oder Junge war, wie groß oder schwer unser Kind war.

All dies sind Fragen, die bei lebenden Kindern selbstverständlich sind.

Ich kann mich gut erinnern, wie ein paar Wochen nach der Geburt von Fiete ein großer Aushang bei meinem ersten Sohn im Kindergarten hang, auf dem das neue Geschwisterchen eines Kindergartenkindes begrüßt wurde, über mein Kind wurde nicht ein Wort verloren.

Das tut sehr weh, uns fehlen solche Fragen, auch unsere Kinder haben Spuren hinterlassen, wenn auch ganz kleine und zarte, aber sie waren da.

 

Habt keine Angst, mir Euren Fragen bei uns Wunden aufzureissen, sie sind doch ohnehin noch lange nicht verheilt, sie werden nie wirklich ganz ausheilen, es werden sich Narben bilden, aber sie werden immer da sein.

Und scheut Euch nicht, Eure eigenen Tränen zu weinen.

Behandelt uns nicht wir Aussenstehende, wir sind traurig und brauchen Hilfe, verlangt nicht von uns, dass wir auf Euch zu gehen, weil Ihr es Euch nicht traut.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch oft einfach ein stille Umarmung mehr sagt, als tausend Worte.

 

 

Das hilft uns:

- habt den Mut, auf uns zuzugehen und traut Euch uns anzusprechen, wir sind dankbar, wenn wir über unser Kind sprechen können

- mehr als Worte hilft es manchmal, einfach nur in den Arm genommen zu werden, eine Hand zu halten

-habt Geduld mit uns, wir sind nicht mehr die Menschen, die wir vor dem Tod unseres Kindes waren, uns wurde unser Kind genommen, unsere Illusion, unsere Zukunft

-hört uns zu, auch wenn wir unsere Geschichte immer und immer wieder erzählen, uns sind nur diese wenigen Momente mit unserem Kind geschenkt worden

-zieht Euch nicht zurück, wenn Ihr denkt, das "Schlimmste" sei überstanden, die Trauer um unsere Kinder bleibt ein langer Begleiter in unserem Leben

-geht selbst auf uns zu, und fehlt oft die Kraft, uns zu melden, gerade am Anfang

 

Solche Sätze verletzen unsere Seele:

-"Es hat doch noch gar nicht richtig gelebt" (natürlich hat es das!)

-"Vielleicht ist es ja besser so, wer weiß, was dem Kind erspart geblieben ist"

-"Du bist jung, Du kannst noch weitere Kinder bekommen" (Wir möchten aber dieses Kind in unseren Armen halten)

-"Sei froh, das du jetzt kein behindertes Kind hast!"

-"Du hast ja noch ein anders Kind" (aber dieses Kind kann mein verlorenes nicht ersetzen)

-"Ich weiß, wie Du Dich fühlst" (nein, niemand kann das wissen, der es nicht erlebt hat)

-"Das Leben geht weiter"

"Bald bist du wieder schwanger, dann vergisst du die Trauer und den Schmerz" (Neues Kind, neues Glück? Nein, so ist es nicht, wir werden unser Kind immer schmerzlich vermissen)

-"Gehts dir immer noch nicht besser" (gibt es eine Regel, die besagt, nach sechs Monaten ist alles wieder gut?)

 

 

 

Mitmenschen, nehmt uns Trauernde an!

 

Geht behutsam mit uns um, denn wir sind schutzlos.

Die Wunde in uns ist noch offen und weiteren Verletzungen preisgegeben.

Wir haben so wenig Kraft, um Widerstand zu leisten.

 

Gestattet uns unseren Weg, der lang sein kann.

Drängt uns nicht, so zu sein wie früher, wir können es nicht.

Denkt daran, dass wir in Wandlung begriffen sind.

Lasst Euch sagen, dass wir uns selbst fremd sind. Habt Geduld!

 

Wir wissen, dass wir Bitteres in Eure Zufriedenheit streuen,

dass Euer Lachen ersterben kann, wenn Ihr unser Erschrecken seht,

dass wir Euch mit Leid konfrontieren, dass Ihr vermeiden möchtet.

 

Wenn wir Eure Kinder sehen, leiden wir.

Wir müssen die Frage nach dem Sinn unseres Lebens stellen.

Wir haben die Sicherheit verloren, in der Ihr noch lebt.

 

Ihr haltet uns entgegen: Auch wir haben Kummer!

Doch wenn wir Euch fragen, ob Ihr unser Schicksal tragen möchtet, erschreckt Ihr.

Aber verzeiht: Unser Leid ist so übermächtig, dass wir oft vergessen,

dass es viele Arten von Schmerz gibt.

 

Ihr wisst vielleicht nicht, wie schwer wir unsere Gedanken sammeln können.

Unsere Kinder begleiten uns. Vieles, was wir hören, müssen wir auf sie beziehen.

Wir hören Euch zu, aber unsere Gedanken schweifen ab.

 

Nehmt es an, wenn wir von unseren Kindern und unserer Trauer zu sprechen beginnen,

wir tun nur das, was in uns drängt.

Wenn wir Eure Abwehr sehen, fühlen wir uns unverstanden und einsam.

Lasst unsere Kinder bedeutend werden vor Euch.

Teilt mit uns den Glauben an sie. Noch mehr wie früher sind sie ein Teil von uns.

Wenn Ihr unsere Kinder verletzt, verletzt Ihr uns.

Mag sein, dass wir sie vollendeter machen, als sie es waren,

aber Fehler zuzugestehen fällt uns noch schwer.

Zerstört nicht unser Bild! Glaubt uns, wir brauchen es so.

 

Versucht Euch in uns einzufühlen. Glaubt daran, dass unsere Belastbarkeit wächst.

Glaubt daran, dass wir eines Tages mit neuen Selbstverständnis leben werden.

Euer "Zu-trauen" stärkt uns auf diesem Weg.

 

Wenn wir es geschafft haben, unser Schicksal anzunehmen,

werden wir Euch freier begegnen.

Jetzt zwingt uns nicht mit Wort und Blick, unser Unglück zu leugnen.

Wir brauchen Eure Annahme.

Vergesst nicht: wir müssen so vieles von neuem lernen,

unsere Trauer hat unser Sehen und Fühlen verändert.

 

Bleibt an unserer Seite!

Lernt von uns für Euer eigenes Leben!

 

(Erika Bodner)